
Sein gewaltiger, vergletscherter Bergrücken ragt wie ein eisbedeckter Wachtposten aus der kargen Landschaft zwischen Karakorum und Taklamakan. Inmitten dieser einsamen Weite verläuft die alte Seidenstraße, flankiert von Wüsten, Hochebenen und Schneebergen. Seine gleichmäßige Form, das riesige vergletscherte Plateau und die vergleichsweise geringe technische Schwierigkeit machen den Muztagh Ata zu einem der beliebtesten hohen Skitourenberge der Welt.
Anreise durch Zentralasien – ein Abenteuer für sich
Unsere Reise begann in Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans. Von dort aus fuhren wir über Naryn zum abgelegenen Torugart-Pass, wo wir zu Fuß die Grenze nach China überquerten. Die Einreise mit umfangreichem Expeditionsgepäck war aufwendig, erforderte viel Geduld und gab uns einen kleinen Vorgeschmack, wie die weitere Anreise verlaufen würde. Etliche Kontrollen mussten wir uns gefallen lassen bis wir endlich im Basislager entreffen würden.
Nach einem weiteren Fahrtag erreichten wir Kashgar, einst eine geschäftige Oasenstadt mit alten Lehmhäusern und einem legendären Sonntagsmarkt. Heute ist vieles neu, hoch und betoniert. Der Geist der Seidenstraße, mit seinen jahrhundertealten Verbindungen zwischen Okzident und Orient, ist spürbar geblieben und wir gönnen uns zwei Tage in dieser umtriebigen Metropole.
Mit Kamelen ins Herz der Weite
Die Weiterreise führte uns entlang des Karakorum-Highways bis nach Subashi, wo der Asphalt endet. Nach der ersten Nacht in unseren Zelten luden wir unsere Ausrüstung auf Kamele und marschierten über die kargen Weiten des Hochlandes ins Basislager, auf rund 4.450 Meter hoch gelegen, direkt am Fuß des Muztagh Ata. Hinter uns die Halbwüste, vor uns eine Welt aus Eis und Schnee. Die Dimensionen dieses Berges, seine Länge, der gewaltige Gletscher, seine alles überragende Präsenz, lassen einen schnell klein und demütig werden. Das Camp liegt am Rande der Vegitation und das bisschen Grün um die Zelte tut dem Auge gut.
Akklimatisierung und Aufbau der Lagerkette
Nach dem Aufbau des Lagers, bestehend aus unseren persönlichen Zelten, Küchen- und Mannschaftszelt, begannen wir mit der Akklimatisierung: erste Materialtransporte, eine Zwischenübernachtung auf 4.850 Metern, mehrere Aufstiege zu einem Skidepot rund 400 Höhenmeter über dem Lager. Schon diese Touren gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartete: lange, stetige Hänge, gelegentlich unterbrochen von Spaltenzonen, eine kaum greifbare Weite. Die Umgebung war surreal, unter uns - endlose wüstenartige Weite, über uns Eis,Schnee und dazu das leise Knirschen der Felle.
Aufbau der Lagerkette
Wir haben, wie die meisten anderen Expeditionen am Berg, drei Hochlager geplant:
Lager 1 (5.400 m): Am Ende des langen Geröllhang, auf einem kleinen Plateau war unser erster Vorposten im ewigen Eis.
Lager 2 (6.150 m): Eine Terrasse auf dem Gletscher, erreicht über eine lange Querung und nach der Spaltenzone.
Lager 3 (6.800 m): Das höchste Lager unterhalb des Gipfelplateaus, mit grandioser Aussicht auf den im unteren Teil auslaufenden Gletscher im Licht der untergehenden Sonne.
*Mit Tourenski am Muztagh Ata *
Beim Aufbau der Lagerkette liegt eigentlich der größte Vorteil der Tourenski, denn der Rückweg zum Basecamp nimmt nur ein Bruchteil der Zeit in Anspruch, den man für einen Abstieg zu Fuss benötigen würde.
Der Muztagh Ata gilt nicht ohne Grund als einer der besten Skiberge in Zentralasien. Seine langen, mäßig geneigten Hänge und das riesige vergletscherte Plateau eignen sich hervorragend für den Aufstieg mit Fellen.
Der Schnee war dieses Mal überraschend gut, etwas windgepresst, aber tragend, an einigen Stellen sogar mit Pulvereinlagerungen. In einem Zug vom 7.500er bis fast hinunter zum Basislager zu fahren, das sind über 2.500 Höhenmeter in einem Atemzug – das bleibt im Kopf. Nur die letzten Meter mussten die Ski getragen werden, nicht der Rede wert, für eine unvergleichliche Skiabfahrt.
Gipfelerfolg – ein weiter Weg nach oben
Nach rund drei Wochen Akklimatisation, Transporten und Wetterbeobachtung waren wir bereit. Der Wetterbericht versprach ein stabiles Zeitfenster. Am 15. Juli 2018 brachen wir im Schein der Stirnlampen um 4 Uhr morgens von Lager 3 aus zum Gipfel auf. Die Temperatur lag bei –20 °C, die Luft war still, die Nacht klar.
Mit gleichmäßigen Schritten zogen wir unsere Spur über das endlose weiße Plateau. Die Steilheit nahm nie dramatisch zu, aber die Höhe forderte Tribut. Um10 Uhr standen wir am Gipfel des Muztagh Ata. Um uns nur Stille, die Schatten ferner Berge, fließende Gletscher und irgendwo ganz weit unten: die Wüste. Es war nicht nur der höchste Punkt der Reise, sondern auch ein emotionaler Höhepunkt. Freude, Erleichterung, Staunen und der tiefe Respekt vor diesem riesigen, weißen Koloss.
Die Abfahrt war lang, überraschend gut, und – trotz Müdigkeit – voller Glück. Über 2.500 Höhenmeter mit Ski, direkt vom Gipfel zurück bis unterhalb des Basislagers. Ein Moment, den keiner von uns je vergessen wird. In einer Umgebung, die man sich kaum erträumen kann, glitten wir durch Licht und Schatten, durch Windstille und Weite, über Spuren, die nur uns gehörten.
Rückkehr über Kashgar
Nach dem erfolgreichen Gipfeltag bauten wir unsere Lager ab, packten unsere Ausrüstung und kehrten ins Basislager zurück. Dort erwarteten uns erneut Kamele, die uns zurück in die Zivilisation trugen. Von dort machten wir uns auf den Rückweg nach Kashgar, wo wir einen letzten Tag in der Zivilisation verbrachten. Die Rückreise über den Torugart-Pass nach Kirgistan wurde von unserer langjährigen Partneragentur begleitet – alte Freunde, die uns auch im Winter bei unseren Skitouren in Kirgistan unterstützen.
Fazit
Diese Expedition war mehr als nur eine sportliche Herausforderung. Sie war eine Reise durch Landschaften voller Kontraste – von der Steppe bis zum Hochgletscher, von der Altstadt zur Eiswüste, von der Gegenwart in die Stille der Zeitlosigkeit.
Der Muztagh Ata ist kein technischer Berg, aber ein großer. Ein stiller Gigant, der einem viel zurückgibt – wenn man ihn in Ruhe, mit Respekt und der nötigen Vorbereitung angeht. Für Skibergsteiger bietet er eine ideale Kombination aus Höhe, Weite und Fahrbarkeit. Wer ihn mit Ski begeht, spürt die Eleganz der Fortbewegung, das harmonische Zusammenspiel aus Anstrengung und Leichtigkeit – und erlebt eine der vielleicht eindrucksvollsten Abfahrten seines Lebens.