Skitouren in Bulgarien | Pirin- und Rila Gebirge
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Skitouren in Bulgarien

Im Pirin- und Rila Nationalpark

Einen Monat Skitouren auf dem Balkan

Im Winter 2019 hatte wir vier Wochen Skitouren in Bulgarien in unserem Programm und so hatten wir die Gelegenheit einige der schönsten Touren gleich mehrfach zu unternehmen und natürlich ausgiebig die Bulgarische Küche zu genießen.

Bulgarien als Reiseland

Skitouren auf dem Balkan, schon mal was davon gehört? Bulgariens Bergwelten sind hierzulande weitgehend unbekannt und, dass dieses Land am Rande Südosteuropas bereits seit 2007 der Europäischen Union angehört, ist vielen Menschen in der Mitte Europas nicht geläufig.
Nicht nur die Berge, auch die fröhliche und entspannte Lebensart der Bulgaren sind Gründe genug sich dieses Land mal genauer anzuschauen. Trotz Sprachprobleme wird man überall sehr herzlich empfangen und meistens kommt man mit Englisch ziemlich gut durch. Nur das Lesen ist nicht ganz einfach, denn die Bulgaren bedienen sich dem kyrillischen Alphabet und wer nicht etwas Vorkenntnisse in Russisch mitbringt muss eher raten. Zum Glück sind wichtige Verkehrsschilder lateinisch untertitelt und mit einem lokalen Guide ist sowieso alles viel besser.

Mit dem Flugzeug nach Sofia

Genau genommen ist Bulgarien gar nicht so weit entfernt und die Kosten einer Anreise sind überschaubar. Kaum zwei Stunden dauert der Flug  von München nach Sofia. Nochmal die gleiche Zeit im Kleinbus über eine gut ausgebaute Autobahn und wir erreichen Bansko, die erste Station unserer Reise. Hier stellt man sehr schnell fest, dass es einige Parallelen zum Alpenraum gibt. Der kleine Ort ist in den letzten 15 Jahren sehr stark gewachsen und hat sich seit 2005 zum größten Wintersport Zentrum Südosteuropas entwickelt.  

Bansko das Skiressort im Pirin Nationalpark

Die Bebauung erinnert uns eher an einen Wintersportort in Österreich als an ein Dorf in einem der wirtschaftlich schwächsten Länder der EU. Modäne Hotels, Sportgeschäfte, Restaurants und Bars bestimmen das Straßenbild. Unser Hotel liegt auf gut 900 m am Ortsrand in Richtung Berge und die Ausstattung und das Restaurant des Hotels braucht den Vergleich nicht zu scheuen.
Ähnlich wie in vielen Gebirgsregionen nutzt man auch hier Straßen und Seilbahnen um möglichst schnell die Ausgangspunkte für Skitouren zu erreichen, um dann am Abend wieder gemütlich im Hotel zu sitzen. Es gibt zwar auch Hütten, die jedoch deutlich hinter dem hiesigen Standard liegen.
So fahren wir früh morgens mit unserem Kleinbus die Passstraße hinauf und mit dem Sessellift von Banderischka Poliana hinauf zum höchsten Punkt des Skigebietes. Zum Aufwärmen erwartet uns eine 800 Meter lange Abfahrt hinunter ins Banderiza Tal. Jetzt kommen die Felle zu Einsatz.

Skitour auf den Vihren 2.914 m, der König des Pirin

Mit Sicherheit einer der schönsten und interessantesten Skigipfel in Bulgarien ist der Vihren. Der Höchste Berg des Pirin Gebirges und der dritthöchste auf dem gesamten Balkan ist gerade mal 4 Meter niedriger als der berühmte Olymp. Bei guter Schneelage gibt es Aufstiege von fast allen Seiten, allerdings ist keiner davon wirklich leicht. Der Normalweg führt über den 2.635 m hohen Hvoinati und über die Südflanke zum Gipfel. Der Aufstieg steilt sich zum Gipfel hin ziemlich auf und man kann die letzten Meter auf den Westgrat ausweichen. Bei klarem Wetter reicht die Sicht bis zum Gipfel des Olymps. Die Abfahrtsmöglichkeiten sind zahlreich. Wir entscheiden uns zunächst für die Südseite entlang der Aufstiegsroute und fahren anschließend durch ein steiles Hang- und Rinnensystem direkt auf die Vihrenhütte (1.950 m) zu. Für gute Skifahrer  1.000 Meter Traumabfahrt. Wer es nicht ganz so steil haben möchte findet landschaftlich reizvolle Varianten in Richtung Muratov, dem südlichen Nachbargipfel, der auch eine schöne Skitour ist.

Dobrinishte und  Skitour auf den Polejan 2.851 m

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die kleine Ortschaft Dobrinishte. Hier ist die Zeit im Vergleich zu Bansko stehen geblieben und wir bekommen einen Eindruck von den realen Verhältnissen im Land. Im Laufe der Woche werden wir diese Ortschaft nochmals besuchen, denn hier gibt es eines der besten Restaurants in der ganzen Umgebung. Über eine schmale, streckenweise abenteuerliche Passstrecke geht es hoch zu dem etwas in die Jahre gekommene Skigebiet Gotse Delchev. Unsere heutige Tour beginnt mit einer entschleunigten Fahrt in einem Sessellift, der an sich schon ein Erlebnis darstellt. In gemütlichem Tempo erreichen wir mit einmal Umsteigen die Gipfelstation Bezbog. Von hier starten verschiedene Skitouren und Skivarianten. Wir nutzen das gute Wetter und den Neuschnee der letzten Nacht und fahren nach einem kurzen Aufstieg zunächst in südöstliche Richtung ab und steigen danach auf den Gipfel des Polejan, 2.851 m. Eine der schönsten knapp 1.000 m langen Abfahrten führt hinunter zur Demyanica Hütte, 1.895 m und durch das gleichnamige Tal weiter in das Skigebiet von Bansko. Auf der Piste geht es dann zum Schluss bis direkt ins Hotel.

Der Dautov 2.599 m - ein kleines Paradies

Die nächste Tour führt uns in ein Tal weiter nach Westen. In einem kleines Skigebiet, das eigentlich nur aus zwei Tellerliften besteht beginnt die Tour. Außer ein paar einheimischen Kindern sind wir die einzigen Gäste. Etwas über 1.000 hm haben wir heute vor uns. Nachdem wir die ersten 300 m mit dem Tellerlift hinter uns bringen führt der Aufstieg durch einen märchenhaften Wald zu einem markanten Rücken, den wir schon bei der Anfahrt vom Auto aus bewundern durften. Die letzten Meter geht es steil hinauf auf das kleine Gipfelplateau des Dautov, 2599 m. Auf dieser Tour ist alles geboten. Der  40° steile Gipfelhang führt in eine weite Mulde und durch ein kleines Hochtal führt die Abfahrt in den Wald. Bei Neuschnee kommt hier echtes Kanada-Feelig auf. Wer über genügend Kondition verfügt kann bevor die Abfahrt in den bewaldeten Teil übergeht nochmals die Felle aufziehen und ca. 400 hm auf den benachbarten Gipfel des Bezimen (das bedeutet übersetzt: Ohne Namen) aufsteigen, sehr lohnend. Danach lässt man die Tour bei einem Pirinsko (lokales Bier) auf der Sonnenterasse des kleinen Restaurants am Parkplatz ausklingen.

Gebietswechsel: Umzug vom Pirin- ins Rila Gebirge

Nach der Skitour packen wir unsere Klamotten in den Bus und die Reise geht weiter auf die Nordseite des Rila Gebirges nach Samokov. Es stehen noch zwei der bekanntesten Gipfel auf dem Tourenplan. Der höchste Gipfel des Balkan, die Musala 2.925 m und die Malyovitza 2.729 m.

Samokov, eine bulgarische Kleinstadt

Knapp 2 Stunden dauert die Fahrt von Bansko nach Samokov. Es gibt zwei Routen, östlich oder westlich um das Rila Gebirge herum, wir entscheiden uns für die längere, aber bequemere letztere Variante. Unser kleines Hotel hat exakt so viele Zimmer wie unsere Gruppe benötigt und das Restaurant ist eines der beliebtesten im ganzen Ort.

Borowez und Skitour zur Musala 2.925 m

Borowez ist ähnlich wie Bansko das Zentrum für Winteraktivitäten im Rila Gebirge. Hotels, Restaurants und Geschäfte säumen auch hier die Straßen. Viele Gebäude sind noch aus der Zeit vor der Wende und es hat dadurch einen ganz anderen Flair als das moderne Bansko. Die Beförderungskapazität der Seilbahn ist limitiert. So empfiehlt es sich morgens früh an der Kasse zu sein, um eine längere Wartezeit zu vermeiden.
Die kleinen Gondeln bringen uns bis über 2.300 m hoch hinauf. Wir verzichten auf weitere, mögliche Liftunterstützung und gehen mit Ski leicht ansteigend über eine Art Plateau bis zu einem Punkt an dem sich das Gelände anbietet hinunter zur Musala Hütte zu fahren. Nur noch 500 hm trennen uns von hier von der höchsten Erhebung des Balkan.
Da wir gut im Zeitplan sind orientieren wir uns zunächst in eine andere Richtung und steigen knapp 400 m einen schönen Osthang hinauf und weiter auf einen kleinen namenlosen Gipfel. Die Belohnung für den kleinen Abstecher ist die Abfahrt durch ein schattiges Pulver-Couloir. Jetzt wenden wir uns dem Hauptziel des heutigen Tages zu  und am frühen Nachmittag erreichen wir mit Ski am Rucksack den höchsten Punkt der Balkanhalbinsel. Die letzten Meter zum Gipfel erreicht man nur zu Fuß über einen mit Drahtseilen gesicherten Grat. Am Gipfel befinden sich mehrere Bauwerke der vergangenen Epoche, unter anderem eine bemannte meteorologische Station.  Wir nutzen das schöne Wetter für eine ausgedehnte Pause. Wenn die Gipfelflanke/Rinne nicht zu hart ist kann man direkt hinter der markanten Gipfelmakierung einfahren, ein Sturz hätte sehr unangenehme Folgen, ansonsten von weiter unten am Grat. Die Abfahrt folgt dann mit leichten Variationen dem Aufstiegsverlauf und zum Schluss dem über 10 km langen Skiweg nach Borowez.

Skitour auf die Malyovitza 2.729 m

Die Malyovitza ist das Symbol des bulgarischen Alpinismus und es haben sich hier die größten Dramen in der Alpingeschichte des Landes abgespielt. Der Berg ist eine beliebte Spielwiese für alle Arten des Alpinismus und bei einheimischen wie ausländischen Bergsteigern gleichermaßen beliebt. Trifft man sonst meist keine oder wenig andere Skitourengeher sind hier öfters auch alpenländischen Skitourengruppen unterwegs. Die Tour zur Malyoviza startet in einem kleinen Skigebiet, das wir jedoch links liegen lassen und einem Bachlauf bis zur Malyoviza Hütte folgen. Die Hütte ist leider nicht immer geöffnet und so gibt es heute keine Kaffeepause. Zweieinhalb Stunden später stehen wir auf dem langen flachen Gipfelgrat und beschließen erst mal eine Pause zu machen. Der Schnee in unsere Abfahrtsrichtung will nicht richtig weich werden. Weit unten im Tal kann man die Anlagen des Rila-Klosters gut erkennen und die Abfahrt dort hinunter wäre perfekt. Nach der langen Woche sind wir aber alle etwas müde und so genießen wir noch eine Zeit lang die Sonne und den herrlichen Ausblick. Mit diesen Eindrücken lassen wir die Woche ausklingen und fahren ab Richtung Norden zurück zur Hütte und weiter zum Auto. Die letzte Abfahrt war aus Sicht der Schneequalität kein Highlight aber die Tour war es allemal Wert. Das Gelände und die Landschaft um die Malyovitza ist bei einer Skitourenreise nach Bulgarien ein Programmpunkt, der auf keinen Fall fehlen darf.

Ein besonderes Highlight ist der Besuch des Sapareva Banya Spa Resorts. Eine nahegelegene Quelle speißt das Bad mit heißem Wasser aus über 100 Meter Tiefe und in verschieden Thermalbecken kann man wunderbar nach der Skitour entspannen.

Bulgarien aus der kulinarischen Perspektive

Eines ist sicher, als Vegetarier bekommt man auf dem Balkan erst mal einen Schreck. Die Bulgarische Küche besteht hauptsächlich aus Fleisch und Geflügel in allen Varianten. Frische Forellen sind häufig auf der Speisekarte zu finden, denn gerade in den Bergen gibt es viele kleine Zuchtbetriebe. Frische Salate, Gemüsegerichte und schmackhafte Dips sind zudem in jedem Restaurant erhältlich. Auch wenn das nur unter den Beilagen auf der Menükarte aufgeführt ist, kann man damit als Vegetarier sehr gut überleben. Die klassischen Gerichte, wie z. B. das Kapama werden aus Geflügel und groben Würsten zubereitet. In vielen Restaurants werden Steaks und Fleischspieße auf dem Holzfeuer gegrillt. Dazu passt sehr gut ein Shopska-Salat aus Tomaten, Gurken, Zwiebel und Weißkäse, der vom Top-Restaurant bis zur Imbissbude überall erhältlich ist. Überhaupt erinnern viele Gerichte an den Nachbarn aus Griechenland oder der Türkei. Letztere herrschten mehr als 500 Jahre über das Land und erst 1878 wurden sie endgültig vertrieben. Das Nationalgetänk ist der Rakia, ein Schnaps der in allen Qualitätsstufen erhältlich ist und entweder aus Trauben ähnlich dem italienischen Grappa oder aus Früchten, wie z. B. Pflaumen hergestellt wird. Traditionell wird dieser zu Beginn einer Mahlzeit mit dem Salat serviert, danach steigt man auf Bier oder Wein um. Der Wein stammt hauptsächlich aus heimischem Anbau und es gibt mehrere Kellereien, die sehr gute Weiß- und Rotweine produzieren. Während unserer Skitourenreise hatten wir Gelegenheit verschiedenste Gerichte auszuprobieren. Vom Abendessen zu Hause bei einer bulgarischen Familie, über ein traditionelles Grillrestaurant in Dobrinishte und zum Abschluss in einem in sozialistischem Retro-Style aufgemachtem Inlokal in Sofia.

© Bilder und Bericht: Dirk Groeger, Maia Stoilova, Stefan Stadler

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