Skitouren in Bulgarien

Zu den höchsten Gipfeln des Balkan

Vier Gruppen hatten sich diese Saison für eine Skitourenwoche nach Bulgarien angemeldet und so hatten wir Gelegenheit einige der schönsten Touren mehrfach zu machen und nebenbei ausgiebigst die Bulgarische Küche zu genießen.

Bulgarien ist ein angenehmes Reiseland

Skitouren auf dem Balkan, schon mal was davon gehört? Hierzulande sind Bulgariens Bergwelten weitgehend unbekannt. Dass dieses Land am Rande Südosteuropas bereits seit 2007 Mitglied in der Europäischen Union ist, hören viele Bewohner Mitteleuropas zum ersten Mal.
Nicht nur die Berge, auch die fröhliche und entspannte Lebensart der Bulgaren ist ein guter Grund für eine Reise in diese Region. Trotz der Sprachprobleme wird man überall herzlich empfangen und meistens kommt man mit Englisch ziemlich gut durch. Nur das Lesen ist es nicht ganz so einfach, denn die Bulgaren bedienen sich dem kyrillischen Alphabet und wer nicht etwas Russisch kann ist aufgeschmissen. Zum Glück sind die wichtigen Verkehrsschilder lateinisch untertitelt.

Mit dem Flugzeug nach Sofia

Näher betrachtet ist der Balkan gar nicht so weit entfernt und die Kosten einer Anreise sind überschaubar. Weniger als zwei Stunden Flugzeit sind es aus Mitteleuropa nach Sofia. Nochmal die gleiche Zeit im Kleinbus über gut ausgebaute Straßen und wir erreichen die erste Station unserer Reise, die Ortschaft Bansko. Dort angekommen stellt man sehr schnell fest, dass es einige Parallelen zum Alpenraum gibt. Der kleine Ort ist in den letzten 15 Jahren sehr stark gewachsen und ist seit 2005 zum größten Wintersport Zentrum in Südosteuropa ausgebaut worden. 

Bansko das Skiressort im Pirin Nationalpark

Der erste Eindruck setzt uns etwas in Erstaunen, erinnert die Optik eher an einen Wintersportort in Österreich als an ein Dorf in einem der wirtschaftlich schwächsten Länder der EU. Viele große Hotels, Geschäfte und Amusements bestimmen das Straßenbild. Unser Hotel liegt direkt am Ortsausgang in Richtung Berge und der Standard des Hotels ist gehoben.
Ähnlich den meisten Gebirgsregionen nutzt man auch hier Straßen und Seilbahnen um möglichst schnell die eigentlichen Ausgangspunkte für die Skitouren zu erreichen, um diese als Tagestouren unternehmen zu können.
So starten wir morgens mit unserem VW Bus eine Passstraße hinauf und steigen anschließend in den Sessellift um. Nach einer längeren Abfahrt heißt es dann die Felle aufziehen.

Skitour auf den Vihren 2.914 m - der König des Pirin

Mit Sicherheit eine der schönsten und interessantesten Skitouren auf dem Balkan ist der Vihren. Der Berg ist der höchste Gipfel im Pirin Gebirges und der dritthöchste auf der Balkanhalbinsel, nur 4 Meter niedriger als der Olymp. Er bietet auf allen Seiten perfektes, teilweise anspruchsvolles Tourengelände. Der Normalweg führt über den 2.635 m hohen Hvoinati und über die Südflanke zum Gipfel. Der Aufstieg steilt sich zum Gipfel hin auf und man weicht die letzten Meter auf den etwas flacheren Westgrat aus. Bei guter Sicht kann man von oben sogar den Gipfel des Olymps ausmachen. Die Abfahrtsmöglichkeiten sind zahlreich. Wir entscheiden uns für die Südseite über die wir aufgestiegen sind und fahren anschließend durch ein steiles Hang- und Rinnensystem direkt hinunter zur Vihrenhütte 1.950 m. Für gute Skifahrer eine fast 1.000 Meter Traumabfahrt. Wer es nicht ganz so steil haben möchte findet landschaftlich ebenso reizvolle Varianten in Richtung Muratov, einem Nachbargipfel, der auch eine perfekte Tagestour wäre.

Dobrinishte und  Skitour auf den Polejan 2.851 m

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die kleine Ortschaft Dobrinishte. Hier ist die Zeit im Vergleich zu Bansko stehen geblieben und wir bekommen einen Eindruck von den realen Verhältnissen im Land. Im Laufe der Woche werden wir diese Ortschaft nochmals besuchen, denn hier gibt es eines der besten Restaurants in der ganzen Umgebung. Über eine schmale, interessante Passstrecke geht es weiter zu dem etwas in die Jahre gekommene Skigebiet Gotse Delchev. Unsere heutige Tour beginnt mit der Fahrt in einem Sessellift, die für sich schon ein Erlebnis darstellt. In sehr gemütlichem Tempo erreichen wir mit Umsteigen die Gipfelstation Bezbog. Von hier starten verschiedene Skitouren und Skivarianten. Wir nutzen das gute Wetter und den Neuschnee der letzten Nacht und fahren nach einem kurzen Aufstieg zunächst in südöstliche Richtung ab um anschließend den Gipfel des Polejan, 2.851 m zu besteigen. Eine der schönsten knapp 1.000 hm langen Abfahrten führt hinunter zur Demyanica Hütte, 1.895 m und durch das gleichnamige Tal weiter bis ins Skigebiet von Bansko. Auf der Piste geht es dann zum Schluss bis direkt ins Hotel.

Der Dautov 2.599 m - ein kleines Paradies

Die nächste Tour führt uns in ein Tal weiter nach Westen und wiederum in ein sehr kleines Skigebiet, das eigentlich nur aus zwei kleinen Tellerliften besteht. Dementsprechend sind wir dort außer ein paar einheimischen Kindern die einzigen Gäste. Etwas über 1.000 hm haben wir heute vor uns. Nachdem wir die ersten 300 hm mit dem Tellerlift überwinden führt der Aufstieg durch einen Märchenwald zu dem markanten, breiten Rücken, den wir schon bei der Anfahrt vom Auto aus gesehen haben auf den Gipfel des Dautov, 2599 m. Auf dieser Tour ist alles geboten. Die Abfahrt startet mit dem zu Beginn fast 40° steilen Gipfelhang und endet in einer nicht enden wollenden Waldabfahrt. Wer über genügend Kondition verfügt kann bevor die Abfahrt in den bewaldeten Teil übergeht nochmals die Felle aufziehen und ca. 400 hm auf den benachbarten Gipfel des Bezimen (das bedeutet übersetzt: Ohne Namen) aufsteigen. Wir lassen die Tour bei einem Pirinsko (lokales Bier) auf der Sonnenterasse eines kleinen Restaurants am Parkplatz ausklingen.

Gebietswechsel: Umzug vom Pirin- ins Rila Gebirge

Nach der Skitour packen wir unsere Klamotten in den Bus und die Reise geht weiter auf die Nordseite des Rila Gebirges nach Samokov. Es stehen noch zwei der bekanntesten Gipfel auf dem Tourenplan. Der höchste Gipfel des Balkan, die Musala 2.925 m und die Malyovitza 2.729 m.

Samokov, eine bulgarische Kleinstadt

Knapp 2 Stunden dauert die Fahrt von Bansko nach Samokov. Es gibt zwei Routen, einmal von Osten oder westlich um das Rila Gebirge herum, wir entscheiden uns für die bequemere letztere Variante. Unser kleines Hotel hat exakt so viele Zimmer wie unsere Gruppe benötigt und das Restaurant ist eines der beliebtesten im ganz.

Borowez und die Skitour zur Musala 2.925 m

Borowez ist ähnlich wie Bansko das Zentrum für alle Winteraktivitäten im Rila Gebirge. Hotels, Restaurants und Geschäfte säumen auch hier die Straßen. Viele Gebäude sind noch aus der Zeit vor der Wende und es hat dadurch einen ganz anderen Flair als das moderne Bansko. Die Beförderungskapazität der Seilbahn ist limitiert. So empfiehlt es sich morgens früh an der Kasse zu sein, um eine längere Wartezeit zu vermeiden.
Die kleinen Gondeln bringen uns bis über 2.300 m hoch hinauf. Wir verzichten auf weitere, mögliche Liftunterstützung und gehen mit Ski leicht ansteigend über eine Art Plateau bis zu einem Punkt an dem sich das Gelände anbietet hinunter zur Musala Hütte zu fahren. Nur noch 500 hm trennen uns von hier von der höchsten Erhebung des Balkan.
Da wir noch ausreichend Zeit haben orientieren wir uns zuerst in eine andere Richtung und steigen ca. 400 hm einen schönen Hang Hang hinauf und anschließend auf einen kleinen namenlosen Gipfel. Diese zusätzlichen Aufstiegsmeter werden durch die Abfahrt durch ein schönes Couloir belohnt. Mun wenden wir uns dem Hauptziel des heutigen Tages zu. Am frühen Nachmittag erreichen wir, die Ski am Rucksack befestigt den höchsten Punkt der Balkanhalbinsel. Die letzten Meter zum Gipfel erreicht man zu Fuß über einen mit Drahtseilen gesicherten Grat. Am Gipfel befinden sich verschiedenste Bauwerke der vergangenen Epoche, unter anderem eine meteorlogische Station, die mit einem Beobachter fast permanent besetzt ist. Wir nutzen das schöne Wetter für eine ausgedehnte Pause, bevor wir uns in die Gipfelrinne stürzen. Die Abfahrt folgt dann mit Variationen dem Aufstiegsverlauf und zum Schluss auf der Piste bis zum Ausgangspunkt nach Borowez.

Skitour auf die Malyovitza 2.729 m

Die Malyovitza ist das Symbol des bulgarischen Alpinismus und es haben sich hier die größten Dramen in der Alpingeschichte des Landes abgespielt. Der Berg ist eine beliebte Spielwiese für alle Arten des Alpinismus und bei einheimischen wie ausländischen Bergsteigern gleichermaßen beliebt. Trifft man sonst meist keine oder wenig andere Skitourengeher sind hier öfters auch alpenländischen Skitourengruppen unterwegs. Die Tour zur Malyoviza startet in einem kleinen Skigebiet, das wir jedoch links liegen lassen und einem Bachlauf bis zur Malyoviza Hütte folgen. Die Hütte ist leider nicht immer geöffnet und so gibt es heute keine Kaffeepause. Zweieinhalb Stunden später stehen wir auf dem langen flachen Gipfelgrat und beschließen erst mal eine Pause zu machen. Der Schnee in unsere Abfahrtsrichtung will nicht richtig weich werden. Weit unten im Tal kann man die Anlagen des Rila-Klosters gut erkennen und die Abfahrt dort hinunter wäre perfekt. Nach der langen Woche sind wir aber alle etwas müde und so genießen wir noch eine Zeit lang die Sonne und den herrlichen Ausblick. Mit diesen Eindrücken lassen wir die Woche ausklingen und fahren ab Richtung Norden zurück zur Hütte und weiter zum Auto. Die letzte Abfahrt war aus Sicht der Schneequalität kein Highlight aber die Tour war es allemal Wert. Das Gelände und die Landschaft um die Malyovitza ist bei einer Skitourenreise nach Bulgarien ein Programmpunkt, der auf keinen Fall fehlen darf.

Ein besonderes Highlight ist der Besuch des Sapareva Banya Spa Resorts. Eine nahegelegene Quelle speißt das Bad mit heißem Wasser aus über 100 Meter Tiefe und in verschieden Thermalbecken kann man wunderbar nach der Skitour entspannen.

Bulgarien aus der kulinarischen Perspektive

Eines ist sicher, als Vegetarier bekommt man auf dem Balkan erst mal einen Schreck. Die Bulgarische Küche besteht hauptsächlich aus Fleisch und Geflügel in allen Varianten. Frische Forellen sind häufig auf der Speisekarte zu finden, denn gerade in den Bergen gibt es viele kleine Zuchtbetriebe. Frische Salate, Gemüsegerichte und schmackhafte Dips sind zudem in jedem Restaurant erhältlich. Auch wenn das nur unter den Beilagen auf der Menükarte aufgeführt ist, kann man damit als Vegetarier sehr gut überleben. Die klassischen Gerichte, wie z. B. das Kapama werden aus Geflügel und groben Würsten zubereitet. In vielen Restaurants werden Steaks und Fleischspieße auf dem Holzfeuer gegrillt. Dazu passt sehr gut ein Shopska-Salat aus Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Weißkäse, der vom Top-Restaurant bis zur Imbissbude überall erhältlich ist. Überhaupt erinnern viele Gerichte an den Nachbarn aus Griechenland oder der Türkei. Letztere herrschten mehr als 500 Jahre über das Land und erst 1878 wurden sie endgültig vertrieben. Das Nationalgetänk ist der Rakia, ein Schnaps der in allen Qualitätsstufen erhältlich ist und entweder aus Trauben ähnlich dem italienischen Grappa oder aus Früchten, wie z. B. Pflaumen hergestellt wird. Traditionell wird dieser zu Beginn einer Mahlzeit zu dem Salat gereicht, danach steigt man auf Bier oder Wein um. Der Wein stammt hauptsächlich aus heimischem Anbau und es gibt mehrere Kellereien, die sehr gute Weiß- und Rotweine produzieren. Während unserer Skitourenreise hatten wir Gelegenheit verschiedenste Gerichte auszuprobieren. Vom Abendessen zu Hause bei einer bulgarischen Familie, über ein traditionelles Grillrestaurant in Dobrinishte und zum Abschluss in einem in sozialistischem Retro-Style aufgemachtem Inlokal in Sofia.

Bericht von Dirk Groeger und Maia Stoilova

©Fotos: Dirk Groeger und Maia Stoilov, Stefan Stadler