Skitouren auf der Insel Spitzbergen

Sail & Ski in der Arktis

Fast 4 Wochen verbrachen wir dieses Frühjahr auf dem Inselarchipel Svalbard. Im deutschen Sprachgebrauch eher als Spitzbergen bekannt, verbirgt sich hinter diesem Namen eigentlich nur die Hauptinsel auf der sich das Verwaltungszentrum Longyearbyen und der einzige internationale Flughafen befindet. Wer sich mehr für die Geschichte und Geografie Svalbards interessiert findet dazu viele Beiträge im Internet oder auch entsprechende Literatur. Wir hatten die neueste Ausgabe des Reiseführers von Rolf Stange dabei, den wir uns vorab in Deutschland besorgt hatten. Der Autor betreibt auch die Webseite www.spitzbergen.de, und ist ein wirklicher Kenner der arktischen Regionen. Die Möglichkeit für Skitouren werden in diesem Buch kurz am Rande angesprochen.

Die Anreise

Nachdem wir sowieso schon in den Lyngen Alps waren ist es nur ein knapp zweistündiger Flug von Tromsø nach Longyearbyen. Wir wollten uns noch ein paar Tage Zeit in der "Hauptstadt" Spitzbergens gönnen bevor es für 18 Tage an Bord der SV Nooderlicht gehen würde. Zudem mussten wir uns noch eine Waffe besorgen, denn ohne geht nichts im Land der Eisbären. 

Longyearbyen

Wenn man das erste Mal in Spitzbergen und Longyearbyen ankommt fällt es schwer zu beschreiben was man fühlt. In der Erwartung einsamer, arktischer Wildnis findet man sich zunächst in einer weit zerstreuten Bergbausiedlung wieder, deren flächenmäßige Ausdehnung beeindruckend ist, wenn man sich bewusst macht auf welchem Breitengrat man sich gerade befindet. Das alte Zentrum mit der schönen Holzkirche liegt mutig platziert unter bedrohlich steilen Bergflanken. Oberhalb stehen noch einige Stützen der alten Seilbahn, die die Kohlegruben mit dem Hafen verbindet. Das neue Zentrum in der Mitte des Adventdalen beherbergt hauptsächlich die touristische Infrastruktur. Richtung Hafen befinden sich die Gebäude der Unis und der große Rest ist ein Industriegebiet. Auffallend ist die Anzahl von Schneemobilen die überall geparkt sind, wobei einige nicht mehr wirklich funktionstüchtig erscheinen. Da Svalbard zollfreies Gebiet ist, kostet der Alkohol genau die Hälfte wie auf dem Norwegischen Festland. Das animiert einige Besucher offensichtlich zum ausgedehnten Feiern und dementsprechend gut besucht sind Bars und Restaurants. Wir haben schnell gelernt, dass man hier am Ende der Welt ohne Reservierung nicht so leicht einen Essplatz bekommt.

Skitour zum Nordenskiöldfjellet, 1.053 m

Trotz eher mäßigem Wetter haben wir die nächsten Tage dann doch die Tourenski ausgepackt und haben die Gegend um Lonyearbyen ein bisschen erkundet. Der Nordenskiöldfjellet ist die lohnenste Skitour, wenn man ohne Fahrzeug direkt vom Ort aus startet, vor allem gibt es viele sehr schöne Abfahrtsvarianten. Zuerst nehmen wir den Steilhang oberhalb der Kirche in Angriff bis wir ein weites Plateau erreichen. Weiter ca. 1 gute Stunde ohne nennenswerten Höhengewinn bis an den Fuß der Gipfelpyramide und zum höchsten Punkt. Abfahrt vom Gipfel nach Südosten ins Adventdalen. Kurz vor Longyearbyen gibt es meistens einige Renntiere mit ihrem Nachwuchs zu bewundern. Die Berg ist ein guter Aussichtsgipfel und die ca. 35° steile Abfahrt ist wirkich sehr lohnenswert! (haben wir deshalb 2 x gemacht).

Trollsteinen und Gletschergrotte

Einer weiterer leicht zu erreichender Gipfel um Longyearbyen ist der Trollsteinen, 849 m. Es gibt wiederum verschiedene Wege. Wir starten an dem kleinen Skilift und steigen oberhalb der neuen Lawinenverbauungen auf. Nach dem ersten Absatz  folgen wir dem kleinen Grat zu einem weitläufigen Plateau, zum Schluss über einen Rücken zu dem Gipfelfelsen. Gute Sicht auf die Grube 7. Abfahrt über den Larsbeen bis zur Gletschergrotte, Besichtigung lohnt sich.

SV Nooderlicht - Boarding

Endlich war es soweit und die Nooderlicht läuft in Longyearbyen ein. Die Crew braucht noch einen Tag bist das Schiff bereit ist für den ersten Trip. !0 Tage haben wir Zeit und der Plan ist so weit wie möglich nach Norden vorzudringen. Der Wetterbericht passt. Damit meine ich die Windrichtung, der kommt nämlich gerade aus Süden, was etwas ungewöhnlich ist, vor allem für einen längeren Zeitraum. Also, das Gute ist, dass wir Rückenwind haben, der Nachteil ist, dass es zu warm ist und dass die Wolken ziemlich tief hängen. Wir nehmen wie es kommt und nachdem alle Teilnehmer an Bord sind legen wir ab und fahren quer über den Isfjorden zur Trygghamna Bucht. Dabei spüren wir zum ersten Mal was es bedeutet wenn es etwas mehr Wind hat und alles was nicht fest gemacht ist wechselt sehr schnell den ursprünglichen Platz.

in der Trygghamna Bucht vor Anker

In der Bucht war von dem Wind nichts zu spüren und wir verbringen eine ruhige erste Nacht in unseren komfortablen Kajüten. Auch außerhalb gibt es genügend Platz und hier zahlt sich aus, dass wir das Schiff nicht auf den letzten Platz voll gemacht haben. Die Wolkendecke hängt 1000 Meter über der Wasseroberfläche und so beschließen wir die guten Windverhältnisse zu nutzen und segeln weiter Richtung Norden mit dem Ziel St. Jonsfjorden.

Ankern im Sankt Jonsfjorden

Schon gestern Nachmittag hatten wir eine geniale Sicht auf die Bergketten, die bei der Namensfindung der Inselgruppe Pate standen. Der niederländische Seefahrer und damit auch Landsmann unserer Boots-Besatzung Willem Barents entdeckte die Inseln im ausgehenden 16. Jahrhundert und benannte sie nach der Form der Berge. Das erste Mal steigen wir in den Zodic (ein kleines motorisiertes Schlauchboot) und setzten über an Land. Das geht einfacher als erwartet und nachdem wir unsere Gewehre geladen haben maschieren wir los. Zunächst alle zusammen, später machen wir zwei Gruppen und gegen Mittag erreichen wir über den Gletscher namens Graffelbreen eine unbenannte knapp 800 m hohe Spitze. Zurück auf dem Schiff erwartet uns Gabriela, unsere Köchen bereits mit heißer Suppe und frisch gebackenem Brot. Während wir unsere Suppe genießen hat der Captain schon den Anker lichten lassen und wir nehmen wieder Fahrt auf gegen Norden. Wir nutzen die Zeit um mit dem Fernglas das Ufer nach irgendwelchen Zeichen von Eisbären abzusuchen. Trotz der Gefahr, die eine unerwartete Begegnung mit diesem Tier mit sich bringt, hofft natürlich jeder, dass wir einen Bären zu Gesicht bekommen.

Von der Engelskbukta nach Ny-Alesund

Wieder startet unsere Tour mit der Fahrt im Zodiac ans flache Ufer. Wie schnell stellt sich da Routine ein und wir arbeiten Hand in Hand. Wir werden heute die Überschreitung von der Engelskbukta bis in den Kongsfjorden nach Ny Alesund machen. Auch wenn die Sichtverhältnisse nicht ganz optimal sind ist die Tour kein Problem, weil erstens unser Polarexperte Chris diese Tour schon häufiger unternommen hat und zweitens das Gelände den Weg ziemlich klar vorgibt. In Ny -Alesund angekommen haben wir noch Zeit das Museum und einige der Forschungsstationen zu besichtigen, bevor es uns zu Gabrielas Après-Ski-Suppe zieht, oder steht heute vielleicht frisch gebackener Kuchen auf dem Plan.

Magdalenenfjord

Wieder muss der Steuermann sein Abendessen stehend am Ruder eimnehmen, denn wir haben einen weiten Weg vor uns. Noch vor Mitternacht wollen wir den Magdalenenfjord erreichen. Dieser Der Fjord gilt als einer der schönsten in ganz Spitzbergen und wird vor allem im Sommer viel von Ausflugsbooten besucht. Wir sind ganz alleine hier unterwegs und überhaupt sollten wir die ganze Reise hier oben die einzigen sein. Der Hafen in Lonyearbyen war leer, die anderen Skitourenschiffe kommen erst einen Monat später. Die Fahrt hier hoch ist ein Traum. Es ist kälter geworden, die Luft ist klar und die Sicht ist unglaublich. Wir sind jetzt schon weit über dem 79° Breitengrat und es wird gar nicht mehr dunkel und so segeln wir mit Motorunterstützung bei vollem Licht kurz nach Mitternacht in den Fjord ein und gehen auf seiner Nordseite vor Anker.

Überschreitung zum Smeerenburgfjord

Und weil es den Tag zuvor so gut geklappt hat nehmen wir uns heute gleich wieder die Überschreitung einer Landzunge vor und lassen das Schiff alleine außen herum fahren. Ganz so sicher sind wir unserer Sache jedoch nicht und deshalb werden wir per Funk dem Captain mitteilen wo er uns wieder aufsammeln darf. Die Tour führt zunächst über den Salzburgbreen fast 1.000 m hoch hinauf, bevor wir in die Scheibukta abfahren. ein besonders schönes Erlebnis war danach die Fahrt durch das Treibeis im Bjørnfjorden, leider war auch hier der Bär heute nicht zu Hause und wir ankern am Ausgang der Bucht. Für den nächsten Tag haben wir nochmals eine Tour weiter nördlich geplant, wollen aber hier die Wetterentwicklung abwarten. In dieser Ecke Spitzbergens waren Ende 16., Anfang 17. Jahrhundert die Walfänger aktiv und es gibt einige historische Plätze, die Zeugnis die Zeit sind. So findet man auf mehreren flachen Landzungen Spuren der Tranöfen, wo das Öl aus den erlegten Tieren gewonnen wurde, um dann am Ende des Sommers nach Europa verschifft zu werden.

Besuch der Walfangstation Danskeneset

Am nächsten Morgen hängen dichte Wolkenbänke über den Bergen und wir fahren au eine alte Walfangstation. Es gibt keine Wal mehr dafür aber ein Walross, auch nicht schlecht. Nachdem uns Chris unter Einhaltung aller Vorschriften über das Gelände und das Walross geführt hat verlassen wir diesen magischen Ort und gleichzeitig sind wir hier am nördlichste Punkt unserer Reise angelangt. Wir sind zwar noch ein gutes Stück vom 80. Breitengrat entfernt, jedoch ist es schon ein besonderes Gefühl so weit nördlich Ski zu fahren und fast auf 1.000 km an den Nordpol herangekommen zu sein. Jetzt ist das Geschick des Skippers gefragt, denn die Ausfahrt aus diesem Fjord ist eng und nicht besonders tief.

Prins Karls Forland

Wer sich die Karte von Spitzbergen anschaut, dem fällt sofort die langgestreckte westlich vorgelagerte Insel auf. Der nördliche Teil bietet einige gute Möglichkeiten für Skitouren. Wir visieren die Grimaldibukta als Ankerplatz an, was für das Schiff eine durchaus sportliche Distanz darstellt, weil mehr als 10 - 11 Koten macht die alte Dame nicht und so sind wir einige Stunden unterwegs. Schließlich erreichen wir gegen Mitternacht die Bucht und schon beim Anblick der Gletscher freuen wir uns auf den nächsten Tag.

Rudmosefjellet und Boureefjellet

Der Tag beginnt vielversprechend und wir starten Richtung Gletscher. Nach kurzer Zeit jedoch schon zieht eine dunkle Wolkenbank über die Insel und verhüllt die Gipfel, so dass wir eine ganze Zeit im Nebel unterwegs sind, bevor wir abbrechen. Unterhalb von 400 m scheint die Sonne von der Seite unter die Wolkendecke. Das ist wirklich eine surreale Stimmung und wir genießen diesen Augenblick. Der Schnee wäre perfekt zum Abfahren aber bei der Sicht in dem vergletscherten Gelände wollten wir kein Risiko eingehen. Unten am Wasser wartet schon Johnesson, der 1. Offizier und Steuermann im Zodiac auf uns.

Barentsburg und der Rote Bär

Wer ein bisschen in der Geschichte Spitzbergens geblättert hat, dem ist aufgefallen, dass neben den Norwegern vor allem die Russen Bergbau auf der Insel betreiben. Die einzige im Betrieb verbliebene Mine befindet sich in Barentsburg. Der Ort liegt an dem kleinen Grønfjorden gegenüber der Trygghamnabucht. Wir möchten diese russische Enklave auf jeden Fall besuchen und angesichts der verbleibenden Zeit werden wir direkt nach Barentsburg fahren. Der Ort ist wirklich einen Abstecher wert, kommt man sich in sozialistische Zeiten zurückversetzt vor. Schon der Hafen und die endlose Holztreppe vorbei an den alten Gebäuden ist sehr sehenswert. Natürlich darf der obligatorische Bar-Besuch im Kracnij Medwed (Roten Bär)  nicht fehlen. Den Ausgang kann sich jeder selbst vorstellen. Interessant ist auch das Postamt, es gibt dort schöne Postkarten und angesagte T-Shirts. Nach dem Besuch fahren wir noch einmal in die Trygghamnabucht und werden dort die letzte Skitour unternehmen.

Zurück in Longyearbyen

Nach der Tour zum Protektorfjellet , dem Wächter über die Einfahrt in den Isfjorden geht unsere letzte Fahrt zurück in den Hafen von Longyearbyen, wo wir Abends von unserer Crew mit dem Captains Dinner verabschiedet werden, denn am nächsten Morgen verlassen fast alle von uns das Schiff und auch ein Teil der Crew wird wechseln. Wir bleiben nochmal 10 Tage auf dem Schiff und werden mit der nächsten Gruppe nochmals Richtung Norden aufbrechen und hoffen natürlich nicht nur rote Eisbären zu sehen.

Skitouren Spitzbergen Teil 2

Nach zwei Tagen in Longyearbyen, die zweite Nacht haben wir dem Pilotenstreik bei der SAS zu verdanken, stechen wir wieder in See. Der Wind  kommt von Norden, es ist etwas kälter geworden  und wir werden 10 Tage blauen Himmel haben. So viel schon vorweg gesagt, Eisbären haben wir auch gesehen, aber aus sicherer Distanz vom Schiff. Mit diesem Wind hat die Nooderlicht keine Chance wirklich weit nach oben zu kommen, deshalb sind wir ein paar Tage im Isfjord geblieben und haben dort in verschiedenen Buchten geankert. Ein wirkliches Highlight war der Tag der Trygghamna Bucht. Wir waren zunächst auf dem Gipfel des Lagmannstoppenund anschliessend noch auf dem Protektorfjellet. Die Abfahrten hätten nicht besser sein können, steil und perfekte Schneeverhältnisse. Eine ähnliche Kombination mit über 1.700 hm haben wir gegen Ende der Reise noch auf der Nordseite des Sankt Jonsfjordes hinbekommen. Das war auch der nördlichste Punkt den wir bei den Windverhältnissen mit diesem Schiff erreichen konnten.

Bericht von Dirk Groeger und Maia Stoilova

©Fotos: Dirk Groeger und Maia Stoilova